09.10.2012

Geschmacksstörungen treten selten isoliert auf

Bei einigen Menschen ist der Geschmackssinn nicht nur im Zuge einer Erkältung gestört, sondern dauerhaft. Die Ursachen sind sehr verschieden und nicht immer leicht zu ermitteln...

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Ein fetter Schnupfen lässt die Nase schwellen, man riecht nichts, das ganze Essen schmeckt fade. "Ob etwas süß oder salzig ist, wird noch wahrgenommen, aber ob das nun Pfirsich- oder Erdbeermarmelade auf dem Brot ist, können Betroffene kaum mehr unterscheiden", sagt Prof. Thomas Hummel von der Universität Dresden, Experte für Riech- und Schmeckstörungen. "Wir brauchen für die Wahrnehmung von feinen Aromen den Riechsinn." Doch während sich der Geschmack nach dem Abklingen der Erkältung bei den meisten wieder einstellt, müssen manche Menschen ohne diesen Sinneseindruck leben. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Die Behandlung ist schwierig.

Isolierte Schmeckstörungen sind eher selten. In den allermeisten Fällen hätten Menschen, die sagen "Mir schmeckt etwas nicht mehr" Probleme mit dem Riechsystem. Riechstörungen kämen laut Schätzungen bei etwa 5% der Gesamtbevölkerung vor. Beim Riechen und Schmecken docken chemische Moleküle an Millionen von Sinneszellen in Nase, Mund- und Rachenraum an. Diese Zellen leiten die Eindrücke über die Hirnnerven an das Gehirn weiter. "Während der Riechsinn über einen Hirnnerv vermittelt wird, sind beim Schmecken drei beteiligt", erklärt Prof. Karl-Bernd Hüttenbrink von der HNO-Klinik des Universitätsklinikums in Köln. Auch der sogenannte orale Tastsinn über den Hirnnerv Trigeminus spielt bei den Sinneswahrnehmungen mit. Gemeint ist damit der Eindruck, den man von Chili in Form von Schärfe oder durch Alkohol als Brennen hat.

Sei man früher davon ausgegangen, dass Geschmacksknospen nur auf der Zunge vorkommen, so wisse man inzwischen, dass der gesamte Mund- und Rachenraum damit bestückt ist, erläutert Prof. Hummel. Bislang sind fünf Grundgeschmacksrichtungen bekannt: süß, salzig, sauer, bitter und umami (fleischig, herzhaft). "Beim Schmecken kommen dann noch Eindrücke vom Riechen hinzu, weil die chemischen Moleküle beim Essen oder Trinken von hinten in die Nase aufsteigen." Auch das Aussehen, die Konsistenz, die Schärfe, die Temperatur und der Fettgehalt einer Speise machten ihren Geschmack aus.

So komplex die Vorgänge bei diesen Sinneseindrücken sind, so aufwändig ist die Diagnose entsprechender Probleme. Bei Geschmacksstörungen werden sowohl Riechtests als auch reine Geschmackstests durchgeführt. Für die Riechtests wurden Stifte entwickelt, "sniffing sticks" genannt. Sie erinnern an Textmarker und enthalten Duftkomponenten wie Rose, Orange oder Nelke. Für Geschmackstests werden entweder Tropfen oder Schmeckplättchen verwendet. Diese werden auf die verschiedenen Bereiche der Zunge getropft bzw. gelegt, die von unterschiedlichen Nerven versorgt werden.

Bei reinen Schmeckstörungen unterscheiden die Mediziner zwischen Schäden der Schmeckknospen, Verletzungen der Hirnnerven oder einer Ursache im Gehirn - beispielsweise nach einem Sturz auf den Kopf, durch Hirntumore oder bei psychiatrischen Erkrankungen. Die Sinneszellen können nach einer Infektion, durch eine Strahlen- oder Chemotherapie, aber auch Medikamente geschädigt sein. Laut Prof. Hummel gibt es Hunderte Arzneimittel, die den Geschmackssinn verändern können. "Oft wird von einem metallischen Geschmack gesprochen, dies muss nicht sofort nach dem ersten Einnehmen auftreten, sondern kann auch Jahre später folgen." Die drei für den Geschmackssinn zuständigen Hirnnerven wiederum können bei einem Bruch der Schädelbasis oder auch nach Operationen an Ohren oder im Rachenraum in Mitleidenschaft gezogen werden. Auch Diabetes oder eine gestörte Schilddrüsenfunktion können den Geschmack verderben. Teilweise fühlen sich Menschen mit Geschmacksstörungen sehr eingeschränkt, verlieren an Gewicht, wollen gar nicht mehr essen, auch Verstimmungen bis hin zu Depressionen kommen vor. Dies trete vor allem bei Menschen auf, die häufig bis immer einen metallischen oder bitteren Geschmack im Mund hätten.

Bislang hat die Medizin wenig Mittel in der Hand, um Patienten mit reinen Schmeckstörungen zu helfen. "Durch Weglassen oder Umstellen von Medikamenten kann man überprüfen, ob es daran liegt, und dann handeln», sagt Hummel. Als Therapie könne man es mit Zink versuchen. "Wir haben Hinweise, dass Zink besser als ein Placebo wirkt, aber wir kennen die genauen Gründe dafür noch nicht", sagt Hummel. Mehr Chancen gebe es, wenn der Riechsinn am Geschmacksproblem schuld sei. "Riechzellen im obersten Teil des Nasenraums können sich nachbilden. Das ist möglicherweise der Grund, weshalb der Geruchssinn bei vielen Patienten nach einem kompletten Verlust langsam wieder kommt, wie wir das nach einem Schnupfen kennen."

Quelle: dpa