02.03.11

Schwerhörigkeit beginnt oft schleichend

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Schwerhörigkeit tritt meist schleichend ein. Viele Betroffene bemerken nicht, dass sie Probleme haben - sie haben sich an ihr immer schlechter werdendes Hörvermögen gewöhnt. Der Hinweis kommt daher meist von Angehörigen oder Freunden. Ihnen fällt irgendwann auf, dass der Fernseher zu Hause immer extrem laut gestellt ist, in Gesprächen ständig nachgefragt wird oder Unterhaltungen mit den Enkelkindern kaum noch stattfinden. Dass mit ihrem Gehör etwas nicht stimmt, auf diesen Gedanken kommen die Betroffenen dagegen eher selten von selbst. Dabei ist rechtzeitiges Gegensteuern enorm wichtig. Denn nicht behandelte Hörschäden haben auch erhebliche soziale Folgen.

Schwerhörigkeit ist kein Randproblem. Nach Angaben der Deutschen Seniorenliga leiden in Deutschland mehr als 14 Millionen Menschen unter einem eingeschränkten Hörvermögen. Damit ist Schwerhörigkeit sogar noch weiter verbreitet als Kurz- oder Weitsichtigkeit. Als Ursachen für Hörschäden kommen hohe Lärmbelastungen, Erkrankungen oder wie in den meisten Fällen ganz einfach das Alter in Betracht. Ab einer Lautstärke von 85 Dezibel werden die empfindlichen Sinneszellen im Ohr geschädigt. Diese Lautstärke ist schnell erreicht: In einer vollen Kneipe beträgt der Lärmpegel bis zu 97 Dezibel. Und ein aufgedrehter MP3-Player kommt sogar auf 110 Dezibel. Auch Ohrentzündungen, Tumore oder gutartige Knoten im Ohr kämen als Ursache für Hörschäden infrage, erklärt Dr. Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte.

Das Alter spielt insofern eine Rolle, als dass das Gehör von Geburt an immer schlechter wird. Daraus resultiert die so genannte Abnutzungs-Schwerhörigkeit, erläutert Dr. Löhler. Sie stellt sich früher oder später bei jedem Menschen ein: Die äußeren Haarzellen unterliegen natürlichem Verschleiß. Die Haarzellen übernehmen im Innenohr eine Art Empfängerfunktion und wandeln die mechanischen Schwingungen in elektrische Impulse um, die der Hörnerv zum Hörzentrum im Gehirn weiterleitet. Der natürliche Verschleiß führt dazu, dass zuerst hohe Töne nicht mehr wahrgenommen werden.

Während die Betroffenen akute Gehörschädigungen sofort bemerken, bekommen sie eine Abnutzungs-Schwerhörigkeit wegen des Gewöhnungseffektes kaum mit. Man merkt es vor allem in schwierigen Hörsituationen. Dr. Löhler nennt als Beispiel Familienfeiern, bei denen alle durcheinander reden, Vorträge in Räumen mit Halleffekt - etwa Gottesdienste in der Kirche - oder Theateraufführungen. Ein Indiz für eine Abnutzungs-Schwerhörigkeit ist, wenn Zuhörer bei den Dialogen nicht mehr ganz mitkommen. In Einzelgesprächen fallen die Hördefizite dagegen kaum auf, weshalb viele Patienten im Gespräch mit dem HNO-Arzt verwundert erwidern: "Aber ich verstehe Sie doch gut!"

Eher bemerken die Angehörigen eine Schwerhörigkeit. Neben dem lauten Fernseher kann es Dr. Löhler zufolge auch ein Anzeichen dafür sein, wenn sich ältere Verwandte zurückziehen und nicht mehr an Gesprächen beteiligen. Denn vielen ist eine Schwerhörigkeit peinlich. Sie fühlen sich alt und gebrechlich und empfinden Schwerhörigkeit als einen Makel, erläutert der Deutsche Schwerhörigenbund. Auch HNO-Arzt Dr. Löhler bestätigt, dass Hörgeräte bei vielen älteren Menschen ein schlechtes Image haben: "Das finden manche noch schlimmer als Haarausfall", hat er beobachtet. Desintegration, Verlust von Kontakten und Vereinsamung können aber die sozialen Folgen einer ignorierten Schwerhörigkeit sein.

Ein Problem ist, dass durch Ignorieren der Defizite ein Teufelskreis in Gang gesetzt wird. Denn mit der Zeit geht bei Schwerhörigen laut Dr. Löhler auch Intelligenz verloren: "Das Gehirn muss für alle Töne empfangsbereit sein. Hören ist eine intellektuelle Leistung, die ständig geübt werden muss." Ebenso muss die Sprache gepflegt werden, damit sie nicht verkümmert. Außerdem verringert sich die Chance, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen. "Wenn man zu spät mit einer Hörgerät-Behandlung beginnt, werden Nebengeräusche als störend empfunden", erklärt der HNO-Arzt aus Bad Bramstedt. Denn sie haben für den Betroffenen ja viele Jahre gar nicht existiert, weil er sie nicht hören konnte.

Hinzu kommt, dass das Gehör weitere wichtige Funktionen übernimmt, die durch Hörschäden ebenfalls beeinträchtigt sind. Der Hörsinn alarmiert und warnt. Das wird in Situationen, in denen Gefahren nicht gesehen werden, wichtig - zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn Fußgänger beim Überqueren einer Straße herannahende Fahrzeuge nicht sehen können. Außerdem unterstützt das Gehör die Orientierung im Raum. Und weil Menschen mit intaktem Hörvermögen auch die Sprachmelodie und Tonhöhen wahrnehmen, entschlüsseln sie auch die Stimmung und Gefühle eines Gesprächspartners. Sofort weiß man daher, ob dieser eine Aussage zum Beispiel ironisch gemeint hat.

Alle diese Punkte werden durch eine Schwerhörigkeit in Mitleidenschaft gezogen. Das macht deutlich, wie stark sie die Lebensqualität der Betroffenen verschlechtert. Dr. Löhler empfiehlt daher, eine Schwerhörigkeit immer möglichst bald von einem HNO-Facharzt abklären zu lassen. Nur durch eine gründliche Untersuchung mit Differenzialdiagnose lässt sich die Ursache der Hörschwierigkeiten herausfinden. Danach richtet sich die weitere Therapie: ob der Patient ein Hörgerät verschrieben und angepasst bekommt oder operative Maßnahmen erforderlich sind, damit er bald wieder ohne Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.

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